Digital Guide

Franz Gertsch (1930–2022)

103 - Medici, 1971–1972

Dispersion auf ungrundiertem Halbleinen,

Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen, Leihgabe Peter und Irene Ludwig Stiftung

Franz-Gertsch_Medici.jpg

Transkript lesen

Dieses Bild machte Gertsch auf einen Schlag international berühmt! Das Gruppenporträt Medici war 1972 auf der documenta 5 in Kassel, eine der bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst, ausgestellt. Es sorgte nicht nur wegen seiner monumentalen Grösse von 4 mal 6 Metern für Aufsehen. Sondern auch, weil es das Lebensgefühl der 1970er-Jahre perfekt einfing. 

Harald Szeemann kuratierte damals die Schau mit dem Titel Befragung der Realität – Bildwelten heute. Gezeigt wurden vor allem amerikanische Fotorealisten wie etwa Richard Estes und Chuck Close. Gertsch erinnerte sich:

«Plötzlich war ich nicht mehr im engen Umfeld lokaler Berner Künstler, sondern inmitten internationaler Künstler, die später in die Kunstgeschichte eingegangen sind. Ich habe geholfen damals, die documenta aufzubauen, vierzehn Tage vorher. Das war eine wilde Sache. (…) Es war halt auch diese Aufbruchstimmung, die dort dokumentiert wurde.»

Das Bild zeigt fünf junge Männer vor dem Eingang des Kunstmuseums Luzern, das zu diesem Zeitpunkt gerade renoviert wurde. Gertsch besichtigte die Räume dort im Vorfeld seiner geplanten ersten Einzelausstellung.

«Bei dieser Besichtigung umschwärmten die fünf jungen Männer Jean-Christophe Ammann, die dann beim Verlassen des Museums spasseshalber über den Bauzaun der Firma Medici lehnten, mich zu einem Familienfoto animierend. Ich drückte nur einmal auf den Auslöser.»

«Kein Meisterzeichner wäre imstande gewesen, die Mimik der fünf während einer Sechzigstelsekunde festzuhalten. Die Kamera machte es möglich.»

Die Tatsache, dass die Baufirma Medici denselben Name trägt wie die berühmte Florentiner Renaissance-Dynastie, ist ein lustiger Zufall. Verblüffend und faszinierend zugleich ist der Gegensatz zwischen Fern- und Nahsicht. Von weitem wirkt das Bild wie eine Fotografie. Aus der Nähe löst es sich in abstrakte Farbflächen und Pinselstriche auf und lässt den malerischen Prozess erkennen – ein Kennzeichen aller grossen Gemälde von Gertsch. Und es lässt einen fragen: Was ist Realität, und was die Wahrheit? In den Worten von Gertsch:

«dass die Fotovorlage behauptet, ‹so war es›, das Bild jedoch ausdrückt, ‹so ist es›.»