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Franz Gertsch (1930–2022)

111 - Junkere 37, 1969/70

Dispersion auf ungrundiertem Halbleinen,

Kunstmuseum Bern, Leihgabe aus Privatbesitz

Franz-Gertsch_Junkere-37.jpg

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1969 war ein Jahr des Umbruchs für die Berner Kunstszene. Und Gertsch zeigt in seinem Bild Junkere 37 einen Moment daraus.

Dargestellt ist das Kellerlokal in der Junkerngasse 37, der Treffpunkt der Schweizer Intellektuellenszene in den 1960er-Jahren. Es gab dort wöchentliche Lesungen, Vorträge und Diskussionen mit den fortschrittlichsten Köpfen der Schweiz, wie etwa Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Sergius Golowin oder Peter Bichsel. Auch aus dem Ausland kamen berühmte Denker wie Theodor W. Adorno, Max Weber oder Timothy Leary. Gertsch war 1964 einer der Mitbegründer dieses alternativen Forums. Eine Augenzeugin erinnert sich:

«Heute kann man sich diese Atmosphäre in der Junkere 37 gar nicht mehr vorstellen. Es herrschte eine totale geistige Freiheit.»

So wundert es auch nicht, dass das Forum vom Staatsschutz überwacht wurde. 

1969 wurde dem Lokal der Mietvertrag gekündigt. Kurz nach dieser Nachricht malte Gertsch nach einem Schnappschuss dieses Gruppenbild. Es herrscht eine gedrückte, nachdenkliche Stimmung. Die Zukunft ist ungewiss.

Im Sommer desselben Jahres traf ein weiterer Schock die junge Berner Kunstszene. Harald Szeemann, der zu dieser Zeit Direktor der Kunsthalle Bern war und bahnbrechende Ausstellungen organisiert hatte, kündigte. Es war eine Zäsur ohnegleichen, auch im Leben von Franz Gertsch. 

1969 wurde auch für ihn persönlich zu einem Schlüsseljahr. Mit 39 Jahren hatte er auf dem Monte Lema im Tessin sein legendäres Erlebnis, das ihm die Augen für sein ganzes weiteres Schaffen öffnete: Er war zur Erkenntnis gelangt, dass für ihn die Fotografie fortan der Ausgangspunkt für seine Malerei sein würde. Und seine Karriere als Fotorealist nahm ihren Anfang.