Digital Guide

Franz Gertsch (1930–2022)

112 - Maria und Benz, 1970

Dispersion auf ungrundiertem Halbleinen,

Franz Gertsch AG

Franz-Gertsch_Maria-mit-Benz.jpg

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In diesem Raum sehen Sie zwei Familienbilder. Einmal Maria mit dem acht Monate alten Sohn Benz in einem bestickten blauen Bauernkittel. Und dann die drei Kinder Brecht, Hanne-Lore und Silvia in der Badewanne. Hören Sie dazu die Kuratorin Dr. Kathleen Bühler:

«Ich denke, die Familienbilder von Franz Gertsch kann man nicht genug würdigen. Da ist so was Unglaubliches passiert. Man denkt, das ist ganz einfach. Er nimmt jetzt einfach seine eigenen Schnappschüsse aus dem Familienalltag, die Frau, die Kinder beim Picknick oder die Kinder in der Badewanne. Aber was hier passiert ist, ist, dass eigentlich etwas, was bisher ja auch keine Bilder kannte, zum Thema der Malerei und der Kunst wird. Dass ein Moment festgehalten wird in unserer Kulturgeschichte, der sehr speziell ist. Das empfinde ich ganz besonders, weil ich gleich alt bin wie die Kinder von Franz Gertsch und auch in den 1970er-Jahren aufgewachsen bin und damit eben auch zur ersten Generation gehöre in unserer Kultur, die eine lückenlose Dokumentation ihrer Kindheit kennt.

Heute ist das selbstverständlich, jeder Moment landet auf Social Media. Aber wir waren die erste Generation, die das miterlebt hat. Man hat das bereits historisch untersucht und gemerkt, dass obwohl hier individuelle Dokumente entstanden sind, sich diese Familienbilder alle gleichen.

Die sehen alle gleich aus, weil sie alle zu selben Anlässen entstanden sind. Und das finde ich das Schöne. Es sind Dokumente einer persönlichen Geschichte, die aber etwas Allgemeingültiges bekommen. Und die Übersetzung vom kleinen Foto in eine monumentale Malerei wiederholt eigentlich dieses Bewusstwerden, dass etwas sehr Individuelles, Kleines zu etwas Grossem, über den Moment hinaus Gültigem wird.»

Gertsch wollte das «knisternde Leben» einfangen, «das Pulsieren des Lebens», nah und unverstellt. Es sind die ersten Gemälde, die er nach eigenen Fotografien malte. Das Foto zu Maria und Benz entstand im Sommer 1969, auf demselben Ausflug in den Jura, der auch auf dem grossen Gemälde in der Treppenhalle verewigt ist. Maria Gertsch erinnert sich:

«Es war eine tolle, aufregende, nochmalige Aufbruchszeit, ein Eintauchen in eine neue Phase. (…) Ich staunte nur, wie Franz stricken konnte. Der rote Pullover war ablesbar von A bis Z. Die Kühnheit der Farben überraschte mich, die gelbblonden Haare, der Teint überhöht (…). An diesem Sonntag entstand auch die Vorlage für das 4 x 6 Meter-Bild Maria mit Kindern.»

Exklusiv zeigen wir hier in einer Diaschau auch erstmals die Fotografien aus dem Familienarchiv, die Gertsch als Vorlage benutzte und die seine Arbeitsweise deutlich machen. Die Fortsetzung unseres Rundgangs finden Sie dann im Obergeschoss.