Franz Gertsch (1930–2022)
121 - Meer I, 2016–2017
Eitempera auf ungrundierter Baumwolle,
Franz Gertsch AG

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Mit diesem Meeresbild kehren wir gewissermassen zu den Anfängen von Franz Gertsch zurück. Die Betrachtung der Natur hatte ihn schon 60 Jahre zuvor fasziniert in seinem Gemälde Bach im Mondschein.
Das Foto zu diesem Meeres-Bild entstand 1971 in Saintes-Maries-de-la-Mer in Südfrankreich. Franz und Maria Gertsch waren dorthin gefahren, um die Prozession der Roma und Sinti für ihre Schutzpatronin, die Schwarze Sara, zu fotografieren. Gertsch erzählte:
«Es entstand damals noch eine andere Fotografie: nur das aufgewühlte Meer ohne Mädchen, kurz nach dem Gewitter. Ich wollte sie Ende 1972 umsetzen, unterbrach jedoch die Arbeit (…). An dieses unvollendete Bild musste ich immer wieder denken, da kam mir im letzten Jahr ein alter, verfärbter Papierabzug in die Hände. Ich liess von einem Fotografen ein Dia herstellen, das mir als Vorlage für dieses Meeresbild diente.»
In seinem stimmungsvollen Seestück fängt Gertsch in Weiss- und Grautönen das gleissende Licht über dem wild schäumenden Meer ein. Es ist der spirituelle Blick auf die Natur, wie kurz zuvor auch in seinen Pestwurz-Bildern, der Gertsch nach 45 Jahren zu diesem Meeres-Motiv zurückkehren lässt. Für ihn ist es eine Art Meditation:
«Meine Bilder sind sozusagen Tagträumereien. Ich suche Bilder, in denen ich das ausdrücken kann. (…) Es ist eine philosophische Arbeit und in dem Sinne auch spirituell.»
Hören Sie zum Abschluss dazu noch einmal Dr. Kathleen Bühler:
«Meer I aus den Jahren 2016–2017 ist für mich eine Art Horizont davon, wo sich das Werk von Franz Gertsch hinbewegt hat. Während er in den 1960er-, 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren wirklich die Menschen malte, kommt plötzlich die Natur immer stärker ins Bild.
Die Natur als gleichbedeutende Wesenheit zum Mensch. Und das auch bei diesem Meeresbild, das ein rätselhaftes Sonnenlicht zeigt.
Für mich versinnbildlicht das, dass Franz Gertsch am Schluss versucht hat, davon wegzukommen, nur immer den Menschen im Zentrum zu sehen, sondern immer stärker sein Erleben. Dass wir alle miteinander verbunden sind mit dem, was um uns herum in der Natur passiert, und dass der Mensch nicht wichtiger ist als das.
Deshalb hat er auch die Natur, seine Porträts von Pflanzen, ‹Wesenheiten› genannt. Und das find ich genau das Radikale an seinem Werk, das vorausweist in unsere Zeit, denn wir versuchen, über diesen Anthropozentrismus hinwegzukommen. Darüber hinauszuschauen, dass wir die Natur nicht nur als Ressource sehen, sondern als etwas, was die gleiche Würde besitzt, die gleiche Fragilität wie wir selber und das wir deshalb beschützen müssen. Und das ist für mich das Vermächtnis seiner Kunst, was mich antreibt und anspricht heute.»