
Capri
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Skagen
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Monte Verità
9°C
Reisebeginn
Drei Orte, ein Versprechen: Freiheit. Zwischen 1830 und 1930 ziehen Künstler:innen aus ganz Europa an die Ränder des Kontinents – nach Capri im Süden Italiens, nach Skagen im Norden Dänemarks aber auch auf den Monte Verità in der Schweiz. Fern der industrialisierten Städte und bürgerlicher Zwänge suchen sie ein anderes Leben: näher an der Natur, näher an dem, was sie für «echt» halten.
Drei Orte, drei Besonderheiten: Capri, eine Insel im Golf von Neapel mit Sicht auf die Amalfi-Küste und den Vesuv, gilt als sinnlich-dionysisches Arkadien. In Skagen, wo Nord- und Ostsee aufeinanderprallen, fühlen sich viele den Elementen nah und glauben, die Welt neu zu sehen. Der Monte Verità hingegen ist die Bühne der Lebensreform. Hier gilt die Lebenskunst als höchste Kunst.
Drei Orte, ein Gefühl: Woanders müsse ein freieres Leben möglich sein. Die Ausstellung folgt diesen Sehnsüchten – und ihrer Ernüchterung. Denn wer länger bleibt, sieht hinter der Postkarte: Fischer, die ihr Leben riskieren, Frauen, Kinder und Alte, die hart arbeiten, Armut. Die vermeintliche Unberührtheit dieser Orte ist immer ein Blick von aussen, der einer künstlerischen Avantgarde. Und doch: Gerade in dieser Reibung zwischen Utopie und Wirklichkeit entsteht etwas Nie-Dagewesenes, etwas Radikales.

I. Capri: Arkadien im Mittelmeer
Capri ist bereits im frühen 19. Jahrhundert mehr als ein Reiseziel, es ist eine Verheissung. Das warme Licht, die wilde Natur und die antiken römischen Ruinen locken Künstler:innen aus Nordeuropa auf die Insel. Sie suchen Arkadien – nicht einzig als Hirtenidylle, sondern als sinnlich-dionysischer Traum. Ein Ort des Rausches, der Körperlichkeit und der entfesselten Lebensfreude, jenseits der grauen Metropolen und der gesellschaftlichen Konventionen.
Die Wiederentdeckung der blauen Grotte 1826 durch deutsche Maler befeuert diesen Mythos: Das leuchtende Blau der Höhle wird zum Symbol romantischer Sehnsucht schlechthin. Zahlreiche Kreative und Intellektuelle – darunter Louis-Léopold Robert und Alma Mahler-Werfel – machen die schroffe Insel bald zu einem internationalen Treffpunkt.
Eine Sehenswürdigkeit ist die Ruine der Villa Jovis des römischen Kaisers Tiberius (42 v. Chr. – 37 n. Chr.), der sein Reich in den letzten zehn Lebensjahren von hier aus regierte. Er war wegen seines grausam-zügellosen Lebensstils und seiner Orgien berüchtigt. Zum Tode Verurteilte liess er am Salto di Tiberio 300 Meter in die Tiefe stürzen.
Auch politisch Oppositionelle strömen nach Capri. Unter Aufsicht des Schriftstellers Maxim Gorki spielen Wladimir Iljitsch Lenin und Alexander Bogdanow auf der Terrasse der Villa Rosa 1908 Schach. Doch die Einhelligkeit hält nicht lange. Als Gorki und Bogdanow ein Jahr später die «Schule der Revolution» gründen, ist Lenin nicht mehr dabei.
II. Capri: Leben hinter der Postkarte
Für die Fischer gibt es kein Arkadien. Sie ziehen ihre Netze heraus, flicken sie und werfen sie wieder aus – so wie ihre Väter und Grossväter vor ihnen. Der wachsende Tourismus bringt Geld, aber er beseitigt nicht unmittelbar die Armut; er macht sie nur malerischer.
Edmond-Jean de Pury schaut als einer der Ersten genau hin. Er porträtiert Fischer und hart arbeitende Frauen und Kinder mit zugeneigter Würde. Elise Mahler malt nicht nur die berühmten Faraglioni im goldenen Licht, sondern auch die kargen Steinhütten am Hang, die einfachen Behausungen der Fischer, Bauern, und Hirten und deren Familien.
Die lokale Bevölkerung entdeckt die Kunstschaffenden bald als Einkommensquelle. Junge Frauen gehen barfuss mit einem Korb voller Korallen in die Hotels und bieten sie zum Verkauf an. Capri und Anacapri profitieren vom aufkommenden Tourismus. Er bringt Arbeit und Verdienst, aber auch ein höheres Preisniveau: Es öffnet sich eine Schere zwischen Einkommen und Lebenskosten.
Das Verhältnis zwischen den meist nur vorübergehend auf Capri lebenden Kreativen und der lokalen Bevölkerung bleibt ambivalent. Mädchen und Knaben lassen sich gegen Bargeld – meist von Künstlern - porträtieren. Das wirft eine Frage auf: selbstbestimmtes Geschäft oder exotisierender Blick von aussen?
III. Capri: Die Insel der Exzentrik
Capri erscheint vielen skandinavischen, deutschen und Schweizer Kunstschaffenden als Gegenwelt zum «harten Norden». Die Insel ist ein Zufluchtsort für alle Geplagten, welche von der Hektik der Städte angewidert sind. Frauen malen und reisen eigenständig, Männer lieben Männer. Weibliche Selbstbestimmung, queere Identität, freies Begehren: auf Capri sind Lebensentwürfe möglich, die andernorts verfolgt werden.
Der «Urvater der Alternativbewegungen» Karl Wilhelm Diefenbach, der auch für den Monte Verità einflussreich ist, lebt ab 1899 auf Capri seine Vision einer freien Gesellschaft. Marie Krøyer und ihr Ehemann P. S. Krøyer verbringen 1889-1890 einen Teil ihrer Hochzeits- und Studienreise auf Capri. Sie stellen ihr Werk unter das Motto des englischen Romantikers John Keats:
Beauty is truth, truth beauty – that is all
Ye know on earth, and all ye need to know.
Auf Capri werden rauschende Feste gefeiert, so etwa im Hotel Pagano und im Café «Zum Kater Hiddigeigei». Die Künstler:innen bemalen die Innenwände des Hotels mit humoristischen Szenen. Unter vielen Künstlern ist Marianne Stokes die einzige Frau, die ihre Unterschrift unter ihrem Bild hinterlässt. Im Café gibt es deutsches Bier und Kolonialwaren.
Um 1900 ist Capri ein Zufluchtsort für Menschen, denen anderswo wegen ihrer Lebensweise Ächtung oder Strafe droht. Die problematische Seite zeigt der Fall des Dichters Jacques d’Adelswärd-Fersen: In Frankreich wegen «Verleitung Minderjähriger zu Ausschweifungen verurteilt», lebt er auf Capri mit dem vierzehnjährigen Nino Cesarini in der Villa Lysis. Benannt hat er sie nach Platons Werk über die erotische Männerfreundschaft.
Orte der Freiheit wie Capri bieten besonders Frauen neue Möglichkeiten. Hier können sie ausleben, was in ihrer Heimat unmöglich ist. Die Malerin Ilna Ewers-Wunderwald fordert mit kurzen Haaren, Zigaretten und selbstbewusstem Auftreten das damalige Rollenverständnis heraus. Auf Capri erkundet sie kletternd die Grotte Meravigliosa.
IV. Monte Verità: Der Rausch der Freiheit
Ein Berg oberhalb des Lago Maggiore, ein mildes Klima – und eine radikale Vision von Freiheit. Als Ida Hofmann, Henri Oedenkoven, Karl und sein Bruder Gustav Gräser um 1900 in Ascona ihr Sanatorium gründen, meinen sie es ernst: kein Fleisch, kein Alkohol, kein Kaffee, kein Korsett. Stattdessen Sonne, Luft, Rohkost und Reformkleider. Die Natur heilt. Das ist Programm und Befreiung zugleich.
Bald pilgern Aussteiger:innen, Intellektuelle und Kreative aller Sparten auf den Hügel, um dem Kapitalismus und der Enge der Moderne zu entkommen. Sie alle suchen dasselbe: ein Leben jenseits der bürgerlichen Ordnung, frei von gesellschaftlichen Normen. Anarchie ist hier mehr als ein Schlagwort, der Monte Verità bedeutet Ausbruch.
Der Bänkelsänger und Anarchist Erich Mühsam kommt 1905 mit seinem Freund Johannes Nohl auf den Monte Verità. Er findet die Weltanschauung dort aber unerheblich und schlägt vor, die Kolonie zu einem Zufluchtsort für entlassene Strafgefangene zu machen. Er verfasst ein spöttisches «alkoholfreies Trinklied»:
Der Gesang der Vegetarier
Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse früh und spat.
Auch Früchte gehören zu unserer Diät.
Was sonst noch wächst, wird alles verschmäht.
Und schimpft ihr den Vegetarier einen Tropf,
so schmeissen wir euch eine Walnuss an den Kopf.
Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.
Die Gäst:innen wohnen einzeln in Licht-Luft-Hütten. Hier können sie sich fühlen, als lebten sie allein in der Natur. Die Hütten sind spartanisch eingerichtet. Das einzige Bild an der Wand ist die durch das Fenster scheinende Landschaft. 1905 wird diese Hütte gebaut und zu Ehren russischer Studenten, die nach der Niederschlagung des Aufstands geflüchtet sind, «Russenhaus» genannt.
Die Ausdruckstänzerin Mary Wigman tanzt 1913 am Ufer des noch unverbauten Lago Maggiore: «Wir tanzten mit oder ohne Musik. Wir tanzten im Rhythmus der Poesie, und bisweilen verlangte Rudolf von Laban, dass wir uns zu selbstausgedachten Worten, Sätzen und Versen bewegen sollten. Solche Experimente bereicherten unsere Gefühlswelt.»
V. Skagen: Leben, bestimmt von den Gezeiten
Skagen ist in diesen Jahren ein armes Fischerdorf, geprägt von harter Arbeit und ständiger Gefahr auf See. Die Maler:innen kommen genau deswegen von der Stadt hierher. Sie sehnen sich nicht nur nach erhabener Natur und dem nordischen Licht, sondern auch nach «Echtheit» - dem ungefilterten Leben.
Anna und Michael Ancher rücken nah an die Frauen heran, die zu Hause bleiben. Diese verkaufen Fische, hüten Kinder und pflegen die Alten. Und manchmal warten sie vergebens auf ihre Männer und Söhne, die bei der Arbeit das Leben lassen. Die Dorfgemeinschaft trauert um einen ertrunkenen Seemann. Das Gemälde zitiert die christliche Ikonografie und transformiert sie in eine bewegende Gegenwart voller stiller Dramen.
In den Familien von Fischern spielen Frauen eine wichtige Rolle. Sie kümmern sich nicht nur um den Haushalt und die Kinder, sondern übernehmen auch wirtschaftliche Aufgaben. Während die Männer auf See sind, tragen sie massgeblich zur Stabilität und zum Zusammenhalt der Familie und der Dorfgemeinschaft bei.
Nicht alle Männer fahren zur See. Manche sind zu alt dafür, andere leiden an den Folgen von Krankheit, Verletzung oder sind vom Alkohol gezeichnet. In einer Zeit, in der es kaum staatliche Alters- oder Krankenvorsorge gibt, werden sie von der Dorfgemeinschaft versorgt. Die Künstler:innen schaffen Porträts dieser an den Rand gedrängten Menschen, die gleichwohl in Skagen ihren Platz gefunden haben.
VI. Skagen: Malen unter freiem Himmel
Die Erfindung der Farbtube um 1841 macht Freilichtmalerei erst möglich. Kunstschaffende halten das Licht während der blauen Stunde oder die vorbeiziehenden Wolken in einer Unmittelbarkeit fest, die neu ist. Für Künstlerinnen bedeutet das mehr: Es ist eine Möglichkeit ausserhalb der Königlichen Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen zu arbeiten, von der sie noch bis 1908 ausgeschlossen sind.
Auf dem Gemälde von Michael Ancher spazieren Anna Ancher und Marie Krøyer entlang des Strands von Skagen. Sie tragen Reformkleider, die als Ausdruck weiblicher Befreiung um 1900 gelten. Im Gegensatz zum Korsett schnüren sie den Körper nicht ein. Damit stehen sie für eine neue Ästhetik und für ein verändertes Frauen- und Körperbild: Gesundheit und Bewegung rücken in den Vordergrund.
Das Brøndums Hotel in Skagen ist im späten 19. Jahrhundert ein zentraler Treffpunkt. Künstler:innen kommen hier zusammen, um zu arbeiten und sich auszutauschen. Besonders der Speisesaal des Hotels entwickelt sich zu einem Ort lebendiger Diskussionen über Kunst, Gesellschaft und neue Ausdrucksformen.
Am liebsten arbeitet P.S. Krøyer draussen. Für ihn ist das, «was man an Ort und Stelle in nervösem Eifer malt» der ruhigen Studie im Atelier vorzuziehen. Er schaffe phänomenal schnell, denke nicht unnütz nach, wenn er im Freien sitze und wisse, «dass die Stimmung in zehn Minuten verflogen» sei.
Die schweizerisch-dänische Malerin Bertha Wegmann besucht auf ihren Studienreisen auch Skagen. Ihr Durchbruch gelingt ihr jedoch in Paris als Teil eines nordischen Künstlerinnen-Netzwerks. Ihr Erfolg als Porträtmalerin und ihre Partnerschaft mit Jeanna Bauck und später Toni Müller zeugen von Handlungsspielräumen, die Frauen trotz Einschränkungen erobern können.
VII. Skagen: Stürmische See, mächtige Natur
Skagen bezeichnet den nördlichsten Punkt von Jütland in Dänemark, wo Nord- und Ostsee zusammentreffen. Ein paar senfgelbe Häuser mit rotem Dach, ein Hotel, eine Kirche, viel mehr gibt es nicht. Bis 1871 ist der Ort nur mit dem Schiff oder über einen Feldweg erreichbar, danach führt eine Bimmelbahn hin. Das Licht bei den Dünen ist spektakulär, das Meer peitscht und durch die raue Landschaft pfeift der Wind. Hierher zieht es ab den 1870er-Jahren Kunstschaffende aus den Städten von Skandinavien und Deutschland.
Fischer in schaukelnden Booten gehen ihrer gefährlichen Arbeit nach, beobachtet von Christian Krohg. Sie werden vom Dorf als Helden verehrt. Frauen promenieren am Strand, blicken zum Horizont und bleiben stehen, um sich von Käte Lassen porträtieren zu lassen.
Zur Besonderheit von Skagen gehören Darstellungen von Fischern, die sich unter dem Einsatz ihres Lebens auf die See hinauswagen. Die nördliche See bietet die Möglichkeit für ein Kräftemessen zwischen Mensch und Natur. Der Maler und Schriftsteller Holger Drachmann sieht das 1877 positiv. Er möchte die verweichlichten Städter wieder in harte Männer verwandeln:
Lehr’ mich, ein Mann zu sein,
Hart ringendes Meer!
Ich lieg hier am Strande allein,
Lauschend auf deine Lieder.
Wohl sink ich in Streit und Pein
Bis jetzt nicht feige nieder,
Doch schwache Kraft nur ist mein.
Lüfte du aus meine Lieder;
Lehr’ mich, ein Mann zu sein.
Wohl nie werde eine Eisenbahn nach Skagen fahren, heisst es 1871 in einem satirischen Reiseführer. Kurze Zeit später ist das Geschichte: die Nation von König Christian sei von einem Energieanfall gepackt worden. Das Resultat desselben ist in einer Spielzeuglokomotive zu sehen, die einmal täglich mehrere Miniaturwaggons in den Bahnhof von Skagen zieht.
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Passend zum Ausstellungstitel «Reise in die Freiheit», bietet ein kleiner Raum die Gelegenheit zum Innehalten: Besucher:innen haben die Möglichkeit, eine Postkarte auszuwählen und ihre Gedanken zum eigenen Unterwegssein festzuhalten, sei es für sich oder andere: Wonach sehnst du dich? Wohin zieht es dich? Wann fühlst du dich frei?
Impressum
Reise in die Freiheit. Capri – Skagen – Monte Verità
Kunstmuseum Bern
30.10.2026–31.1.2027
Co-Kuratorinnen: Livia Wermuth & Andreas Schwab
Kuratorische Assistenz: Kim Hue Luong
Sachbuch: Zeit der Aussteiger. Eine Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità, Andreas Schwab, C.H. Beck, München 2021.
Ausstellungsgestaltung: Katina Anliker, Bureau Boulot
Wetterdaten von MET Norway · CC BY 4.0
Digital Guide
Umsetzung: NETNODE AG
Projektleitung: Andriu Deflorin, Luisa Viggiano
Mit der Unterstützung von:
Medienpartner:

























