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Adolf Wölfli (1864–1930)

Adolf Wölfli mit Béret, um 1920

Adolf Wölfli gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Art brut. Mit 35 Jahren begann er in der psychiatrischen Klinik Waldau bei Bern mit Zeichnen, Schreiben und Komponieren. In diesem Raum werden in wechselnden Präsentationen unterschiedliche Aspekte von Wölflis Schaffen vorgestellt. 

Aktuelle Ausstellung: Denkmäler und Sehenswürdigkeiten

Adolf Wölfli (1864–1930) gehört heute zu den vielbeachteten Künstler:innen des 20. Jahrhunderts und sein Werk wird weltweit ausgestellt. Die internationale Anerkennung eines Waisenknaben, Verdingkindes, Zuchthausinsassen und Patienten einer psychiatrischen Heilanstalt ist nicht selbstverständlich. Sie ist das Resultat eines in jeder Hinsicht aussergewöhnlichen künstlerischen Werks. 

Wölfli war Schriftsteller, Komponist und Zeichner im Dienst einer selbst gewählten «Mission»: das Leben neu zu erfinden und sich eine eigene Welt zu konstruieren. Im Jahr 1908, im Alter von 44 Jahren, setzt Adolf Wölfli zu seinem literarischen Werk an und startet damit die Aufzeichnungen zu seiner fiktiven Lebensgeschichte. In der Abgeschiedenheit seiner Zelle in der Psychiatrischen Klinik Waldau erschafft er sich auf über 25‘000 Seiten seine eigene Welt. Er nennt sie später die Skt.Adolf=Riesen=Schöpfung.

Wie andere Kopfreisende auch (Jules Verne oder Karl May beispielsweise) hat sich der Berner Künstler von Atlanten, Reisebüchern und illustrierten Zeitschriften leiten lassen. Aus diesen Quellen bezieht er die Vorlagen und Versatzstücke, aus denen er seine Welt zusammenbaut. Seine Erzählung ist im Grunde ein Bericht einer abenteuerlichen Forschungsreise, die ihn in entfernte Weltgegenden führt. Diese imaginierten Orte werden genauestens beschrieben, «vermessen» und schliesslich verwaltet. 

Wölflis Schriften sind mit zahlreichen Illustrationen bestückt, die die Imagination zur Darstellung bringt. Sie können als Belege für die Existenz dieser Orte verstanden werden. Neben kartografischen Darstellungen gehören auch Sehenswürdigkeiten und Denkmäler dazu, welche diese neu entdeckten Orte charakterisieren und auszeichnen. Die aktuelle Präsentation im Kunstmuseum Bern vereinigt eine Auswahl aus diesem Bestand und zeigt auf, mit welchen besonderen Erscheinungen Adolf Wölfli sein Universum ausstattet. 

Während die Sehenswürdigkeiten aus aller Welt Wölflis eigenes Universum grossartig und überwältigend machen, so sind die Denkmäler oft Würdigungen der Getreuen der Reisegesellschaft, die ihn in seinen Geschichten und in der Fahrt durch die Welt begleitet und sich durch besonderen Verdienst hervorgetan haben. Damit etabliert Wölfli in seinen Schriften eine Erinnerungskultur und erfindet sich gleichzeitig eine Familien- und Ahnenzugehörigkeit, welche er selbst als Verdingkind und Waise nie erfahren hat.

Hilar Stadler, Kurator der Adolf Wölfli-Stiftung

Biografie

1864 im Emmental geboren, wächst Adolf Wölfli in sehr ärmlichen Verhältnissen an verschiedenen Orten auf. Um 1870 verlässt der Vater die Familie. Wölfli und seine Mutter verarmen und werden in die Heimatgemeinde Schangnau zwangsumgesiedelt. 1874 stirbt Wölflis Mutter und ihr Sohn wächst unter entwürdigenden Lebensbedingungen als Verdingbub bei verschiedenen Bauernfamilien im Emmental auf. Von 1880 bis 1890 lebt Wölfli als Lohn- und Wanderarbeiter an verschiedenen Orten. 1890 wird er wegen versuchter Notzucht zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Aus der Haft entlassen, vereinsamt er immer mehr. Wölfli wird 1895 zur Untersuchung seiner Zurechnungsfähigkeit in die psychiatrische Heilanstalt Waldau bei Bern eingeliefert. Die Diagnose lautet «Dementia paranoides» (Schizophrenie).

Auf Geheiss der Ärzte verfasst Wölfli bei seinem Eintritt in die Waldau 1895 seine erste Lebensgeschichte. 1899 beginnt er mit Zeichnen. Die ersten erhaltenen Zeichnungen sind von 1904 und 1905. Von 1908 bis 1912 schreibt er seine fiktive Autobiografie Von der Wiege bis zum Graab (3000 Seiten). Zwischen 1912 und 1916 entstehen die Geographischen und Allgebräischen Hefte (3000 Seiten). Wölfli schildert darin die Entstehung der zukünftigen Skt.Adolf=Riesen=Schöpfung. Ab 1916 entstehen Serien von Zeichnungen, die Wölfli an Ärzte, Angestellte, Besuchende und erste Sammler:innen verschenkt oder verkauft. Von 1917 bis 1922 erfolgt die Niederschrift der Hefte mit Liedern und Tänzen (rund 7000 Seiten), mit denen Wölfli seine zukünftige Schöpfung besingt und zelebriert. 1921 veröffentlicht Walter Morgenthaler Adolf Wölfli, Ein Geisteskranker als Künstler. Die Studie wird u. a. von Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salomé begeistert gelesen. Von 1924 bis 1928 arbeitet Wölfli an den Allbumm-Heften mit Tänzen und Märschen (5000 Seiten), in denen er seine kommende Welt weiter besingt. Von 1928 bis 1930 arbeitet er am (unvollendeten) Trauer=Marsch. Am 30. November 1930 stirbt Wölfli an Magenkrebs.

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