Adolf Wölfli (1864–1930)
Adolf Wölfli gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Art brut. Mit 35 Jahren begann er in der psychiatrischen Klinik Waldau bei Bern mit Zeichnen, Schreiben und Komponieren. In diesem Raum werden in wechselnden Präsentationen unterschiedliche Aspekte von Wölflis Schaffen vorgestellt.
Aktuelle Ausstellung: Der Trauer=Marsch
Meret Matter liest aus dem Trauer=Marsch von Adolf Wölfli, 15 Min.
Der Trauer=Marsch (1928–1930)
Das finale Werk von Adolf Wölflis Schöpfung
Der Trauer=Marsch bildet den Abschluss von Wölflis dichterischem Werk, das er 1908 mit der Erzählung Von der Wiege bis zum Graab beginnt und zu einem Universum von insgesamt 25’000 Seiten anwächst. Wölflis letztes Werk umfasst über 8300 Seiten, die in 16 Heften gebunden sind. Dieses unvollendet gebliebene Werk entsteht in einem intensiven Schaffensprozess während der Jahre zwischen 1928 bis 1930.
«Ich arbeite schon vile Jahre an einem sehr schönen und starken Trauer=Marsch, der insgesamt 8‘850 je schöne Marsch-Lieder bekommt. 7‘150 Lieder dafohn sind schon gemacht. Dazwischen kommen je partienweise zahlreiche schöne Gedichte, Rätsel, Humoresken und Juxe: Reise-Geschichten! Jäger-Geschichten und Kriegs-Geschichten! Sowie eine ganz respektable Anzahl schöner Bilder. Das ganze Werk, wenn’s einmal fertig ist, hat den tadellosen Wert von 55'000 Fr.»
(Zitat Adolf Wölfli, 1929)
Wölfli konzipiert den Trauer=Marsch als ein persönliches Requiem, das sich zu einem fortlaufenden Lautgedicht verdichtet. Die darin enthaltenen «Marsch-Lieder» sind nicht wie in den vorhergegangenen Heften als Solmisation aufgezeichnet, sondern entfalten sich als Klanggebilde. Ausgehend von Schlüsselworten seines erzählerischen Universums entwickelt Wölfli Reime auf «Wiiga» (Dialektwort für Wiege), dem Wort also, das am Anfang sowohl seines Lebens wie seines schriftstellerischen Schaffens steht.
Aus dem Trauer=Marsch, Seite 3‘434 bis 3'435:
«16. Chehr:1. Wiiga. 16.Cher:1. Giiiga. 16.Cher:1. Stiiiga. 16.Cher:1. Schiiiga. 16.Cher:1. Ziiiga. 16.Cher:1. Fliiiga. 16. Chehr:1. Fiiiga. 16. Chehr:1. Nit a Chida. 16.Cher:1. Siba Gida. 16.Cher:1. Riiiga. 16.Cher:1. Biiiga. 16.Cher:1. Liiiga. 16.Cher:1. Opf'r=Stok'r. 16.Cher:1. Chriiiga. 16.Cher:1. Siiiga. 16.Cher:1. Triiiga. 16.Cher:1. Hopptiquax'r. 16.Cher:1. Waaahra. 16.Cher:1. Annnah. 16.Cher:1. Saaah'ra. 16.Cher:1. Hammah. 16.Cher:1. Haaahra. 16.Cher:1. Mammah. 16.Cher:1. Haaahra. 16.Cher:1. Zammah. 16.Cher:1. Kaaahra. 16.Cher:1. Wammah. 16.Cher:1. Schaara. 16.Chehr:1 Schammah. 16.Cher:1. S'wittara witt. 16. Ist, etzak: 68,718,476,636, Schläg. Skt.Adolf II., Bern, Schweiz.»
Der Trauer=Marsch enthält nur noch wenige Zeichnungen. Er ist mit über tausend Collagen aus Zeitschriften illustriert, die sich beim Durchblättern zu einem grossen Panorama zusammenfügen. Diese Bilderwelt spiegelt Wölflis Sehnsüchte und Visionen wider. So ruft Wölfli in seinem abschliessenden Werk in komprimierter Form noch einmal die zentralen Themen seiner Welt-Schöpfung auf und entwirft ein fesselndes, endlos fortlaufendes Mantra, das eine beeindruckende suggestive Kraft entfaltet.
Die aktuelle Präsentation stellt den Doppelseiten aus dem Trauer=Marsch eine Auswahl an Zeichnungen gegenüber, die zeitgleich entstanden sind. Es handelt sich um Beispiele der sogenannten «Brotkunst», die Wölfli parallel zu seinen Schriften für den Verkauf anfertigte. Sie sind Zeugnisse von Wölflis Alltag, der kurz vor seinem Tod geprägt war von seiner Erkrankung an Magenkrebs.
Hilar Stadler, Kurator der Adolf Wölfli-Stiftung
Biografie
1864 im Emmental geboren, wächst Adolf Wölfli in sehr ärmlichen Verhältnissen an verschiedenen Orten auf. Um 1870 verlässt der Vater die Familie. Wölfli und seine Mutter verarmen und werden in die Heimatgemeinde Schangnau zwangsumgesiedelt. 1874 stirbt Wölflis Mutter und ihr Sohn wächst unter entwürdigenden Lebensbedingungen als Verdingbub bei verschiedenen Bauernfamilien im Emmental auf. Von 1880 bis 1890 lebt Wölfli als Lohn- und Wanderarbeiter an verschiedenen Orten. 1890 wird er wegen versuchter Notzucht zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Aus der Haft entlassen, vereinsamt er immer mehr. Wölfli wird 1895 zur Untersuchung seiner Zurechnungsfähigkeit in die psychiatrische Heilanstalt Waldau bei Bern eingeliefert. Die Diagnose lautet «Dementia paranoides» (Schizophrenie).
Auf Geheiss der Ärzte verfasst Wölfli bei seinem Eintritt in die Waldau 1895 seine erste Lebensgeschichte. 1899 beginnt er mit Zeichnen. Die ersten erhaltenen Zeichnungen sind von 1904 und 1905. Von 1908 bis 1912 schreibt er seine fiktive Autobiografie Von der Wiege bis zum Graab (3000 Seiten). Zwischen 1912 und 1916 entstehen die Geographischen und Allgebräischen Hefte (3000 Seiten). Wölfli schildert darin die Entstehung der zukünftigen Skt.Adolf=Riesen=Schöpfung. Ab 1916 entstehen Serien von Zeichnungen, die Wölfli an Ärzte, Angestellte, Besuchende und erste Sammler:innen verschenkt oder verkauft. Von 1917 bis 1922 erfolgt die Niederschrift der Hefte mit Liedern und Tänzen (rund 7000 Seiten), mit denen Wölfli seine zukünftige Schöpfung besingt und zelebriert. 1921 veröffentlicht Walter Morgenthaler Adolf Wölfli, Ein Geisteskranker als Künstler. Die Studie wird u. a. von Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salomé begeistert gelesen. Von 1924 bis 1928 arbeitet Wölfli an den Allbumm-Heften mit Tänzen und Märschen (5000 Seiten), in denen er seine kommende Welt weiter besingt. Von 1928 bis 1930 arbeitet er am (unvollendeten) Trauer=Marsch. Am 30. November 1930 stirbt Wölfli an Magenkrebs.