Einleitung
Mit der Ausstellung Das volle Leben. Alte Meister von Duccio bis Liotard rückt das Kunstmuseum Bern seine Schätze an Kunstwerken aus dem 13. bis 18. Jahrhundert in den Fokus. Dabei handelt es sich um einen historisch bedeutenden Teil der Sammlung. Viele der präsentierten Werke zählten bereits bei der Eröffnung des Kunstmuseum Bern im Jahr 1879 zum Bestand.
Thematisch gegliederte Räume verschaffen einen Überblick über die für das Haus identitätsstiftenden Werkgruppen und vermitteln zeittypische Motive und Darstellungskonventionen. Dabei spiegelt unser Rundgang das Leben in seiner ganzen Bandbreite: Martyrium trifft hier auf Selbstdarstellung, Askese auf Opulenz, Moral auf Wollust.
Den Anfang der Ausstellung bilden Porträts und Stillleben aus der Zeit des Barock. Viele Werke stammen von Künstlern aus Bern, wo sich, begünstigt durch den wirtschaftlichen Wohlstand des mächtigen Stadtstaates, seit Ende des 15. Jahrhundert eine sehr qualitätsvolle ortsansässige Malerei etabliert hatte. Sowohl die Bildnisse als auch die üppigen Stillleben dienten der begüterten Auftraggeberschaft zur Demonstration von Ansehen, Macht und Wohlstand.
Die in den darauffolgenden Räumen präsentierten mittelalterlichen Werke haben hingegen heilsgeschichtliche Themen zum Inhalt und dienten der religiösen Unterweisung und Heiligenverehrung. Sowohl die Andachtsbilder und kleinen Hausaltäre berühmter Sieneser und Florentiner Künstler des 13. bis 15. Jahrhunderts als auch die am Vorabend der Reformation entstandenen Altartafeln der Berner Nelkenmeister und von Niklaus Manuel vermittelten den Gläubigen anschaulich das Leben und Wirken der Heiligen.
In der frühen Neuzeit erweiterte sich die Motivwelt in der bildenden Kunst, wobei viele Werke weiterhin der moralischen Belehrung dienten. In einem kleinen Kabinett sind Szenen aus der antiken Sagenwelt versammelt, die den Betrachter:innen die Irrungen und Wirrungen mythologischer Figuren vor Augen führen. Ein beliebtes Instrument zur Vermittlung von Tugenden und Lastern waren überdies allegorische Figuren, wie sie im letzten Raum zu entdecken sind. In dramaturgisch raffiniert komponierten Gemälden von teils monumentaler Grösse mahnen Personifikationen zu tugendhaftem und massvollem Handeln und erinnern an die Vergänglichkeit allen irdischen Seins.
I. Barocke Selbstinszenierung
Würdevolle Blicke, steife Posen, kunstvolle Halskrausen, teure Pelze. Die zu einer imaginären Ahnengalerie versammelten Bildnisse widerspiegeln die bedeutende Rolle, welche die Porträtmalerei im Barock innehatte. Kunst wurde von einem exklusiven Kreis beauftragt und besessen. Dazu gehörten Herrscher, Kirche, Klerus und einflussreiche Familien aus Adel oder Patriziat. Porträts dienten dieser Elite zur augenfälligen und präzis inszenierten Dokumentation von Reichtum, sozialer Stellung und Abstammung.
Für Kunstschaffende stellte die Bildnismalerei oft die wichtigste Erwerbsquelle dar. Künstler wie der Basler Joseph Heintz d. Ä., der Berner Joseph Werner d. J. oder der Genfer Jean-Etienne Liotard machten als Porträtisten international Karriere und wirkten an Königs- und Kaiserhöfen. Im mächtigen und wohlhabenden Stadtstaat Bern war Johannes Dünz als Bildnismaler des Berner Patriziats gefragt. Seine Werke widerspiegeln die durch die Obrigkeit reglementierte, hochgeschlossene Kleidung der Zeit. Deren Strenge wurde im Verlauf des 18. Jahrhunderts unter dem Einfluss der französischen Mode durch kostbare Stoffe, bunte Farben und tiefe Ausschnitte abgelöst.
Im 17. Jahrhundert entwickelte sich in Bern eine eigenständige Form der Stilllebenmalerei, für die der aus Strassburg zugewanderte Albrecht Kauw prägend war. Als zentrale Künstlerfigur für die Berner Oberschicht schuf er für seine Auftraggeber Veduten ihrer Landgüter und als Bildschmuck für ihre Speisezimmer Stillleben in Form systematisch geordneter Vorratskammern, in denen er die reichen Erträge ihrer Landgüter in Szene setzte. Die Bildschöpfungen können als Demonstration der erfolgreichen züchterischen Kennerschaft der Gutsbesitzer verstanden werden.
II. Italienische Preziosen
Im 19. Jahrhundert führte das wachsende Interesse an der Entwicklung und Geschichte der Kunst zu einer neuen Wertschätzung der italienischen Malerei des Mittelalters. In diesem Kontext trug der Berner Historienmaler Adolf von Stürler (1802–1881), Nachkomme einer alten Patrizierfamilie, eine bedeutende Sammlung von Werken Sieneser und Florentiner Maler des 13. bis 15. Jahrhunderts zusammen, die 1902 als Erbe ans Kunstmuseum Bern gelangte. Als wahre Preziosen der frühitalienischen Malerei suchen diese Werke in der Schweiz ihresgleichen.
Die Sammlung Adolf von Stürlers umfasst 23 Werke, vor allem Andachtsbilder und Hausaltäre für den privaten Gebrauch, die meist im Auftrag von Privatpersonen, häufig von Ordensangehörigen, angefertigt wurden. Zudem enthält sie mehrere Fragmente grösserer Altäre, die aus ihrem ursprünglichen Kontext entfernt, zu Tafeln zerlegt und in Einzelteilen verkauft worden sind.
Von herausragender Bedeutung ist das älteste Werk, Duccio di Buoninsegnas Maestà (1290–1295). Das Schaffen des Künstlers weist noch Merkmale der byzantinischen Kunst und der Ikonenmalerei auf, spiegelt aber bereits das Bemühen Duccios, räumliche Tiefenillusion, körperliche Plastizität und menschlichen Ausdruck zu erzeugen. Damit ist sein Werk wegweisend für die Entwicklung der frühitalienischen Malerei, die sich in der Folge durch die Steigerung von Naturalismus, emotionaler Expressivität und Farbenreichtum auszeichnete. Einen Höhepunkt stellt hier das Gemälde Madonna col Bambino (um 1445–1450) des Florentiner Malers Fra Angelico dar, in dem sich bereits die Renaissance ankündet.
III. Bildmächtige Glaubenslehre
In der bildenden Kunst stellten heilsgeschichtliche Themen über Jahrhunderte hinweg den wichtigsten Bildgegenstand dar. Für die Kirche waren Kunstwerke als niederschwelliges visuelles Lehrmittel bis zur Reformation ein wirkmächtiges Instrument zur Verbreitung und Vermittlung der Glaubenslehre. Im Spätmittelalter erlebte die sakrale Bildproduktion einen Höhepunkt, auch dank der regen Stiftungstätigkeit vermögender Privater. Die Beauftragung von Altarwerken verstanden sie als fromme Tat, die ihrem Seelenheil zugutekommen sollte.
Auch im wohlhabenden Stadtstaat Bern führten Ende des 15. Jahrhunderts die Fertigstellung des Münsters und der Bau zahlreicher anderer auszustattender Kirchen zu diversen Altarstiftungen. Aus dieser ersten künstlerischen Blütezeit Berns stammen die Tafeln des Johannes- und des Marienaltars. Sie wurden von den Berner Nelkenmeistern geschaffen – anonymen, in Malerwerkstätten organisierten Künstlern, die ihre Erzeugnisse mit Nelken in roter und weisser Farbe signierten. Ihre Werke zeichnen sich durch einprägsame, strenge Kompositionen aus, die auf erzählerisches Beiwerk und Dramatik verzichten.
Von einem anderen Geist zeugen die einige Jahre später entstandenen Altartafeln von Niklaus Manuel. Der Berner Maler, Zeichner, Dichter und Staatsmann war eine herausragende Persönlichkeit der beginnenden Neuzeit. Sein künstlerisches Schaffen wurzelt in der Tradition spätmittelalterlicher Kunst, zeichnet sich aber durch Originalität, perspektivische Bildräume und realistisch anmutende Landschaften aus. Auch die Verwendung eines eigenen Monogramms und die Einbindung seines Selbstporträts in Der heilige Lukas malt die Madonna (1515) zeugen von einem neuen Selbstverständnis als Künstler an der Schwelle zur Renaissance.
IV. Mythologische Bildwelten
Seit der Renaissance fand in der Kunst eine Rückbesinnung auf die Antike und deren ästhetische Ideale und Mythologie statt. Auch im aufkommenden Barock des 17. Jahrhunderts blieben die Erzählungen von römischen und griechischen Gottheiten und Heldenfiguren aus der Feder von Autoren wie Ovid oder Vergil anhaltend beliebt und weitverbreitet. Ihre Popularität zeigte sich sowohl in ihrer Präsenz auf Alltagsgegenständen wie Münzen, Teppichen oder Tafelgeschirr, als auch in ihrem festen Platz im barocken Bildungskanon.
Hinter den dramatischen, emotional aufgeladenen und oft gewaltvollen Darstellungen verbarg sich häufig eine moralische Botschaft. Die Szenen sollten dem Publikum die positiven wie auch negativen Konsequenzen menschlichen Handelns vor Augen führen. Gleichzeitig wurden sie zur Inszenierung weiblicher Nacktheit genutzt und dienten damit auch dem sinnlich-erotischen Vergnügen. Oft kommen spannungsgeladene Momente aus mythologischen Erzählungen zur Darstellung, die von männlicher Begierde und sexuellen Übergriffen handeln – einem allgegenwärtigen Thema in der antiken Literatur.
Eine Besonderheit innerhalb unserer Sammlung sind die eindrücklichen Miniaturen von Joseph Werner d. J.. Die äusserst fragilen, lichtempfindlichen Darstellungen wie Medea (o. D.) oder Flora (1666) sind in leuchtenden Farben gehalten und minuziös ausgearbeitet. Von den Miniaturen, die ein Spezialgebiet Werners darstellten und unter Zeitgenossen sehr gefragt waren, sind nur wenige erhalten geblieben.
V. Moralische Wegweiser
Während die Kunst der vorangehenden Jahrhunderte vorrangig im Dienst der Kirche stand, vervielfältigten sich ab dem 16. Jahrhundert Gattungen und Motive. Auch die Vermittlung moralischer Werte fand neue Ausdruckformen – insbesondere in protestantischen Gebieten, die fast gänzlich auf sakralen Bildschmuck verzichteten. Anstelle vorbildlicher Heiliger rückten nun vermehrt allegorische Personifikationen wie antike Gottheiten oder Tugenden und Laster ins Bild.
Herausragend war in diesem Bereich der international geschulte Berner Künstler Joseph Werner d. J., dessen monumentale, raffinierte Kompositionen sich durch barocke Opulenz, Dramatik und Sinnlichkeit auszeichnen. Seine Allegorie auf die Gerechtigkeit (1662), die einen Höhepunkt in seinem Schaffen darstellt, schenkte er seiner Heimatstadt Bern. Wie in vielen anderen Städten auch, zierte die mit Waage, Richtschwert und Augenbinde ausgestattete Justitia das Rathaus – als imposantes Leitbild unbestechlicher Gerechtigkeit und konsequenter Bestrafung.
Als moralische Appelle dienten auch Vanitas-Motive. Zu Stillleben komponiert oder als Bestandteile von Figurenbildern sollten Totenschädel, erloschene Kerzen, Bücher oder Sanduhren an die Vergänglichkeit, Unbeständigkeit oder Vergeblichkeit der menschlichen Existenz erinnern. Weniger pessimistisch nimmt sich die berühmte Berner Kebes-Tafel (1633) von Joseph Plepp aus. Das komplexe Wimmelbild stellt den hindernisreichen Lebensweg des Menschen dar. Mithilfe von Vernunft, Bildung und Tugenden kann er jedoch wahre Glückseligkeit erlangen.
Begleitprogramm
Veranstaltungen
Auf den Spuren der Nelkenmeister
Rundgang mit Charlotte Gutscher (Spezialistin für spätmittelalterliche Malerei) zu den Wandmalereien in der Französischen Kirche Bern und den Werken der Berner Nelkenmeister im Kunstmuseum Bern. Treffpunkt: Französische Kirche Bern, 14:00
Freitag, 29. Mai 2026, 14:00–16:00
Liquid Manuel
Die neue Forschung zu Niklaus Manuel. Vortrag von Prof. Dr. Alexander Marr (Renaissance und Early Modern Art, Department of Art History, University of Cambridge). In englischer Sprache.
Dienstag, 22. September 2026, 18:00
Gespräche in der Ausstellung
Kunst und Religion im Dialog
Mittelalterliche Andachtsbilder und Heilsvorstellungen im Barock. Mit André Flury (Katholische Kirche Region Bern) im Dialog mit Magdalena Schindler (Kunstvermittlung Kunstmuseum Bern)
Sonntag, 15. März 2026, 15:00
Zwischen Miniatur und Grossformat
Rundgang zum Schweizer Barockkünstler Joseph Werner. Mit Prof. Dr. Urte Krass (Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern, Abteilung Neuzeit)
Dienstag, 21. April 2026, 18:00
Woher kommen unsere Werke?
Einblicke in die Provenienzforschung anhand von Altartafeln Niklaus Manuels. Mit Carla Gehler (Provenienzforscherin Kunstmuseum Bern)
Sonntag, 3. Mai 2026, 11:00
Durchblick
Einblicke in die kunsttechnologische Erforschung von Alten Meistern. Mit Nathalie Bäschlin (Chefrestauratorin Kunstmuseum Bern)
Dienstag, 16. Juni 2026, 18:00
Kunst und Religion im Dialog
Niklaus Manuel Deutsch, ein Berner Maler in Zeiten des Umbruchs. Mit Alexia Zeller (Schweizerische St. Lukasgesellschaft) im Dialog mit Magdalena Schindler (Kunstvermittlung Kunstmuseum Bern)
Sonntag, 6. September 2026, 15:00
Führungen
Ausstellungsrundgang
Jeweils Sonntag, 11:00 oder Dienstag, 18:30 (siehe Website)
Visite de l'exposition
mardi, 18:00 : 9.6.2026
dimanche, 11:30 : 16.8.2026
Einführung für Lehrpersonen
Dienstag, 17. Februar 2026, 18:00
Workshops
Aktuell inspiriert
Im Workshop für Erwachsene (ab 16 Jahren) lassen wir uns von den Werken der Ausstellung zu eigenem Gestalten im Atelier inspirieren.
Dienstag, 3. März 2026, 18:00–19:30
Impressum
Das volle Leben. Alte Meister von Duccio bis Liotard
Kunstmuseum Bern
13.2.–27.9.2026
Kuratorin: Anne-Christine Strobel
Wissenschaftliche Volontärin: Michelle Fritschi
Ausstellungsgestaltung: Jeannine Moser
Audioguide
Texte: Kunstmuseum Bern
Umsetzung: tonwelt GmbH
Digital Guide
Umsetzung: NETNODE AG
Projektleitung: Cédric Zubler
Mit der Unterstützung von:



Kunstmuseum Bern
Hodlerstrasse 8–12, 3011 Bern
+41 31 328 09 44
info@kunstmuseumbern.ch
kunstmuseumbern.ch/dasvolleleben








